Man kann nicht von Brot allein leben, aber man
kann von Philosophie allein leben.
(Heft 4, 1927; Bild S.31)Er hat sein Leben lang geschrieben. Doch erst nach seinem Tod sind die Gedanken des italienischen Philosophen Andrea Emo (1901-1983) zugänglich geworden. Emo hat etwa 38000 handbeschriebene Seiten hinterlassen. Die bisher erschienen Sammelbände auf Italienisch enthalten eher längliche Reflexionen des Denkers über das Nichts und das Sein. In seinen kürzeren Beobachtungen tritt Emos anders hervor. Er ist nämlich auch von der literarischen Welt seines Jahrhunderts geprägt.
Kennzeichnung Emos
Kennzeichen von Andrea Emo, Person mit
wenig Grundlagen, unfähig zu allem und jedem, mit einer gewissen
Neigung zum Wahnsinn. Bei all dem, was ist es, das ich mehr liebe als
alles auf der Welt? Mich selbst.
(Heft 9, 1919, Bild S.31)
Bild:
Andrea Emo: In principio era
l'immagine, hgg. Von Massimo Donà, Romano Gasparotti, Raffaella
Toffolo, Firenze (Giunti/Bompiani) 2019.
Begriffe, Chimären
Ich habe mein Leben damit zugebracht,
Chimären nachzulaufen, und ich beglückwünsche mich dafür; es gibt
nichts Interessanteres, Angenehmeres und Würdigeres.
Die Jagd nach
Chimären ist die schönste und aufregendste aller Jagden. Vielleicht
folgen auch die, welche Rot- und Damhirsche oder Wildschweine jagen,
diesen unbekannten Chimären, die uns beherrschen, ohne zu wissen,
dass sie diese vagen und geheimnisvollen Formen mit ihren
Wildschweinen oder Hirschen ineins setzen. Aktaion, der Hirsche
jagte, bemerkte zu spät, dass er Diana nachgestellt hatte.
Die Gefahr der Chimären ist, dass sie,
wie das berühmte Tier, très mechant, sich wehren; die Gefahr
für den, der sich von den Chimären anziehen lässt, (der Hirsch
zieht den Jäger an), ist, zu glauben, etwas Wirklichem zu folgen.
Aber wenn sich jemand klar darüber ist, dass die Chimären keine
Wirklichkeiten sind, von denen wir Besitz ergreifen könnten, sondern
wirklich Chimären, und diese nur deshalb begehrt, weil sie das und
nichts anderes sind, schenkt er seiner armseligen Existenz (alle
Existenzen sind an sich armselig) Freuden, Schönheiten,
unvorhersehbare Möglichkeiten. Vielleicht auch die Unsterblichkeit,
denn die Unsterblichkeit ist zweifellos eine Chimäre, die größte,
die wirklich endgültige Chimäre.
Die abstrakteste Philosophie, die
ontologische Philosophie, ist eine Ansammlung von Chimären, die
sich ja mit Freude den abstraktesten Geister anpassen.
Die
Wirklichkeit mit Worten schaffen, mit Begriffen, mit Ideen ist
chimärisch, aber das war der Stil der Philosophen von Platon bis
Anselmus d'Aosta, bis Kant, bis Hegel, die uns als Erbschaft ihren
Harem von Fabel-Chimären hinterlassen haben. Aber wir wissen, dass
diese irreführenden Chimären das einzige sind (und sie sind weder Dinge
noch Wesen) dem es sich lohnt das Leben zu widmen. Die Form ihres
Segens und ihrer Weihe (unserer) ist oft der Fluch. Aber was wäre
schöner als ein Leben, das in Chimäre verwandelt würde?
Supremazia e maledizione, S.101f.
der Name
Der Name, das, was für sich da ist, aber weder Dimension hat noch Gewicht, was nicht sichtbar ist und nicht vergegenständlicht werden kann, ist das Anderssein der Subjektivität. Er ist die schwierige Metapher der Subjektivität. Die Subjektivität als Unterschied (das Individuum?). Aber schon im entferntesten Altertum wurde dem Namen Zauberkraft zugeschrieben, eine Zauberkraft wie die des Ausdrucks und die des Bildes (...).
In der Epoche des Christentums ist jeder Name der eines Heiligen, also eine Beziehung zur Heiligkeit, zur Ewigkeit, zu etwas Tragischem und Paradiesischen. Vielleicht ist der Name wirklich die Unsterblichkeit des Individuums, ist die Universalität des Individuums. Der Name ist alles, aber er hat keine Dimension. Auch der Unterschied hat keine Dimension.
Der Name vereint um sich herum, wie um eine Fahne, ein Zeichen, ein ganzes Leben. Wie eine Gemeinschaft sich um eine nicht existierende Gottheit herum versammelt. Der Name ist die Spiritualität, die Heiligkeit, die Transzendenz eines Lebewesens. Er ist Synonym für einen Geist, all dessen, was nicht objektiv ist.
(Supremazia e maledizione, S.101)
Oasen des Zweifels
Die großen Philosophien sind Oasen und Fata Morganen. Sie brauchen die Wüste; die Wüste, die der Zauber der Oase ist. Die Wüste der Abstraktion, in der alles gestaltlose Klarheit wie Gewissheit ist; die Philosophie erfindet die Oasen des Zweifels, des Schattens.
Die Philosophie erfindet den Zweifel; den unvorhergesehenen Zweifel in der großen Wüste des Offensichtlichen. Im Offenbaren des Sonnenlichts stirbt der Geist vor Hunger und Durst.
(Muse, S.X)
opus operatum
Das Opus operatum hat auf verschiedene, verschiedene Wirkungen. – Einige zwängt es, schließt es in sich ein, verkleinert es; andere hingegen vervielfältigt es außerordentlich. – Darum ist das Werk nichts als ein Vorwand, einen Schöpfer zu erfinden.
(DG 234, 1934/30)
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