nicht zu sehr sein

Wir sollen sein, was wir sind, aber das nicht zu sehr.

Heft 1969/20-I 321

Unfruchtbar

Viele Menschen sind unfruchtbar, weil sie keine Ideen haben, andere, weil sie zu viele haben.  Es gibt auch eine Erfahrung der Ideen, oder wenigstens der eigenen Ideen, welche uns lehrt, auf diese zu verzichten, ihnen nicht nachzugeben. 

Ohr haben

 Man hat "Ohr", auch im Sehen (und im Denken).

Ms.

Ich bin nicht ich

Ich bin nicht ich, bin nicht ich selbst, das heißt, ich bin nicht derselbe, ich bin der andere – in Bewegung sein, in Verwandlung ist genau aktuell anderes sein, der andere, die Heterogenität – nur im Tod ist einer er selbst, das heißt, er ist nicht.

DG512

mit sich selbst sprechen

 Ein Philosoph ist jemand, der spricht, nachdem er jeden anderen Gesprächsteilnehmer abgeschafft hat – in jedem anderen Fall haben wir einen Dialog und Gesprächspartner; die Anstrengung des Philosophen geht auf die Abschaffung der Gesprächspartner, die seinen Dialog mit sich selbst verhindern, das heißt den gradlinigen Weg zur Wahrheit.

(DG 515)

Cristina Campo: Der Bogenmeister


 

Sterben ist ein Privileg

 Das Sterben ist ein Privileg der Lebenden, den Tod in sich haben ist nämlich die Möglichkeit des Bewusstseins. Den Tod "kennen" diejenigen nicht, die nicht leben, die "das Leben nicht kennen".

(Notizen ?/23)

Der Ausdruck muss die Intention reinigen (die Leidenschaft usw.), so weit, dass sie sie abschafft, so weit sich ihrer zu schämen.

(DG509)

Nutzen der Philosophie

Wozu dient die Philosophie? Wozu dient die Geschichtsschreibung wozu dient die poetische oder die künstlerische Schöpfung? – Das heißt so viel wie fragen: wozu dient das Selbstbewusstsein?

(GD506)

Das Leben ist ein Scheitern und das eine Erkenntnis

Das menschliche Leben ist typischerweise ein Scheitern, ist per definitionem ein Scheitern und darüber hinaus ist dieses Scheitern ein moralisches Scheitern: und die Überlegenheit der Überlegenen besteht im Eingeständnis und in der Erkenntnis dieses Scheiterns: das heißt, in einem Wort, in der Erkenntnis. 

In jeder Form der Erkenntnis, die sich in der Welt der Menschen entzündet, entzündet sich eine Kraft, und um diese Kraft herum sind viele gerufen. 

Es ist gut, dass alle die dämonische Kraft dieser Macht kennen: diese Erkenntnis ist eine Mutprobe. 

(Notizbuch ?/49)

Schönheit erkennen

Der Mythos von Orpheus und Eurydike schließt aus, dass die Wirklichkeit, das heißt die Schönheit, erkannt werden könne. 

Der Dichter muss mit seiner Zither vorangehen und wissen, dass die Schönheit verschwindet, sobald er sich umdreht, um sie zu erkennen, um sie zu beleuchten und das heißt sie auszudrücken. 

Der Gedanke, der reine Gedanke geht voran und weiß, dass der Wert, die Schönheit usw. ihm folgen und ihn antreiben; aber er weiß auch, dass er seinen Wert niemals kennen wird -- und was sonst muss er wissen?

(DG 598)


Cristina Campo: Die Stadt verschlingt dich

 

Wahre Dichter

Wahre Dichter sind auch Propheten; Lyrik ist Prophezeiung; sie sind die Propheten ihrer Zeit, aber ihre Prophezeiung kann von ihren Zeitgenossen nicht entziffert werden; Lyrik wird in Worten ausgedrückt, aber ihre Lyrik wie ihre Prophezeiung kann nicht in Worte übersetzt werden. – die wahre Kenntnis der Gegenwart. welche das lyrische Bekenntnis erreichen kann, ist die vollkommenste Prophezeiung die vollkommenste Kenntnis der Zukunft.

(DG 511f.)

 Das Vergessen ist der einzige Boden, in dem die Erinnerungen blühen.

(DG499)

Vorbereitung

Man sollte nicht auf das vorbereitet sein, was sich vorhersehen lässt, in der Anschauung vorbereiten, sondern auf das Unvorhergesehene, auf das keine Vorhersage vorbereitet. 

(DG 87)

Widmung, kurz

Wenn einer berühmt wird, sagt der Herr Teste, dann hat er einen Fehler begangen, nämlich den, der ihn berühmt gemacht hat. Sie aber, Conte Emo aus dem tausendjährigen Geschlecht, haben das Ihr schreibwütiges Leben lang vermieden und Ihre 38000 Blätter mit Gedanken zur Verzweiflung und zu Zypressen einfach weggeschlossen, nur hin und wieder Briefe gewechselt mit den Begnadetsten, Cristina Campo und Alberto Savinio. 

Dass dann die Witwe einen hungrigen akademischen Geier herbeirufen würde und der sich, dessen Freunde sich, deren Geliebte sich mit Ihrem unablässigen Schreiben Schriften zusammenklauben und Professorenstellen erobern würden, konnten Sie ja nicht ahnen, Conte. Inzwischen haben die alle ihre Stellen und Sie vergessen. Gut so? Und dann kommt noch ein Künstler daher und widmet Ihnen eine Ausstellung. Aber vielleicht wäre Ihnen solch ein wenig  sozusagen seitlicher und wie verfliegender Ruhm ja ganz Recht gewesen. 

"Die Verzweiflung ist eine tiefe Höhle, die man durchqueren muss, die man den Mut zu durchqueren haben muss, um den Ausgang in eine neue Welt zu finden, eine andere Welt". (Andrea Emo)

Cristina Campo: Weniger


Cristina Campo (1923-1977), Übersetzerin von Eduard Mörike und Virginia Woolf, eng befreundet mit Andrea Emo, hat in ihrem Leben 34 Gedichte veröffentlicht. 

"Hat wenig geschrieben, und weniger wäre besser weniger gewesen", sagte sie über sich selbst. (Übersetzung von mir)

Kunst und Verwandlung. Das von uns andere unter uns

Das Kunstwerk ist die Erfahrung einer Verwandlung; die Verwandlung ist eine der Weisen, dem Schicksal zu entgehen, über das Schicksal hinaus zu gehen, oder sie ist der Vollzug des Schicksals. Vielleicht ist das Schicksal selbst das Subjekt seiner Tragödie, ihr Vollzug. (...)

Was ist das Bild, wenn nicht eine Verwandlung? Es gibt kein unmittelbares Bild, so wie es keine unmittelbare Empfindung gibt. Die Verwandlung führt jenseits unserer selbst. Die Verwandlung ist die Welt, in der wir leben und in der uns scheinen will, es sei nichts seltsam daran; dabei ist sie der wahre Zaubergarten, die Welt der Märchen, die unerreichbare Welt des Jenseits. 
Jedes Bild dient uns zur Bestätigung, aber es gehört zur Welt des Anderen; es ist das von uns andere, das unter uns ist.
(Heft 372, 1975, Bild S.5)

Kunst als Erkenntnis

Kunst ist, in ihrer wahren Bedeutung, Empfindung der Zeit, Kenntnis der Zeit, also des Augenblicks; Besitz des Augenblicks. Der besessene Augenblick ist höchst fruchtbar: Erkenntnis des Augenblicks als absoluter Besonderheit, eben weil seine Erkenntnis als eines Absoluten. 

Bewusstsein des Augenblicks als Absoluten und also als besondere Schöpfung der Zeit; ist die Bewusstheit gewordene Zeit, Bestätigung des Selbst. 

Im Unbewussten ist die Zeit, per definitionem, Negation des Selbst, eine Zerstörung des Selbst. Daher haben wir Bewusstsein des Moments als mit dem Ich identisch, mit dem Ich, welches sich der eigenen Besonderheit bewusst ist. Es ist daher zu schließen, dass Kunst Erkenntnis ist, Äußerung, Denkmal der Zeit, in welcher sie entsteht, des geschichtlichen Moments, in dem sie blüht und als solche Wert hat. 

Die Zeit schöpfen ist die höchste Selbstständigkeit des Menschen und des Bewusstseins. 
(Bild S.56, Heft 54, 1937)

Der Künstler, Träger eines zukünftigen Glaubens

Die Art von Künstler, der lebt, um sein "Werk" zu schaffen, ist eine haltlose und lächerliche Figur, welche direkt vom romantischen "Genie" abstammt, um so lächerlicher, als er (bis vor kurzem) die sogenannte "Kunst" überlebt hat. Die ist vor ihm gestorben und auch sie ist tot, weil sie sich mehr Bedeutung hat geben wollen, als ihr wirklich zukommt. 

Doch  könnte dieser "Künstler", der heute ein Lächeln hervorruft, in der Zukunft, wenn nicht als Schöpfer von Meisterwerken, wenigstens als Gemütseinstellung wichtig werden, in einer wirklichen geschichtlichen und künstlerischen Kraft wiedergeboren werden. Also Vertreter des individuellen Bewusstseins sein, der Rechte des Lebens und der Empfindsamkeit, in einem rationalisierten, effizienten, kollektiven und livellierten Universum. 

Einer der vielen Brüder und Gläubigen eines Glaubens an die Seele des Menschen. Träger eines zukünftigen Glaubens.

(Heft 38, 1935, Bild S.53)

Ode ans Nichts

Ode ans göttliche Nichts

Göttliches Nichts, unser Frieden, funkelndes Firmament über dunkelsten Nächten, Synthese all dessen, was wir sind, Du bist unser höchster W...